das Innere hervorkehren

Skulpturen von Rainer Wulz

Der Flucht-Aspekt im Kern aller Dinge

Aber das ist der Gottessinn des Menschenlebens, dass das Getriebe eben doch nur das Außen ist zu einem unbekannten
und allerlebendigsten Innen, und dass dieses Innen sich nur der Erkenntnis, die eine Tochter des Getriebes ist, nicht aber der schwingenden und sich befreienden Seele zum Erlebnis versagen kann. Die Seele, die sich ganz gespannt hat, das Getriebe zu sprengen und ihm zu entrinnen, diese ist es, die die Gnade der Einheit empfängt.
(Martin Buber)

für Hugo Wulz

1/
Und du stehst vor dem Objekt des Kunstvollen mitten im sommerlichen Garten und spürst, dass und wie sehr du jetzt am Sprung bist – weg von der Vielfalt, von den Dingen, weg von der Erscheinungsform. Der Rest ergibt sich von selbst, denkst du, ein umarmter Augen-Blick, ein Durchschreiten des Tors. Sprung ist nicht Fortlaufen, Sprung wirft auch keinen rettenden Funken ins leere Herz. Sprung ins offene Buch vielleicht, um dort nachzuschauen. Buch des Gleichnisses, der Essenz. In deiner Hand nun wie beiläufig oder zufällig The Poetical Works Of Lord Byron, darin die wenig weinerliche Stanze für eine Frau: „Send me kind dreams to keep my heart from breakin“.
Hier, im Bereich der Plagen, wirst du immer irgendwie abgewürgt. Die sattsam bekannten Dinge der Verfügbarkeit, denkst du, haben dich ruiniert, Eigentum und Herrschaft haben dein Herz erkalten lassen. Es ist Zeit – zu erwachen. Zu kämpfen vielleicht wie Lord Byron, ringen um das Nicht-Sichtbare des Sichtbaren. Als ob das Prinzip, die Logik des Räum-lichen extra bewahrt werden müsse.

Und du schaust dich jetzt um, trittst hinaus, vielmehr ein. Die in Form von Objekten in die Landschaft eingeführten Interpunktionen fördern dein von dir selbst eingefordertes Zunichtewerden – zugunsten der geahnten Wirklichkeit des Innen. Der helle Stein oder das bauchige Holz, die gefiederte Bruchstelle oder der Kahlschlag ins Innere des Stammes, all dies ein zuhöchst elaboriertes, einsames Philosophicum, denkst du, ins Unwegbare hinein, um abzutrennen, wegzuschmeißen den schönen Schein.
Wo bist du selbst in diesem Augenblick des Philosophischen, und kann das Philosophische selbst nicht der perfekte Schein sein? Und wie heißt jener Raum? Was ist das für eine eigenartig stilisierte Bruchstelle?
Nein, noch ist es nicht soweit, die Vereinigung Gottes mit der Seele hat nicht stattgefunden. Du musst dich lassen, als der Betrachter, gehen lassen, musst noch einmal allein sein mit diesem aktuellen Rabenjahrhundert, um Wesen und Gegenwart zu erkennen.

Da liegen sie herum, wie Brocken aus dem Inneren der Welt. Der Abdruck von Aushöhlung. Objekte der Begierde einer eigenen Art? Die Haut aus Silikon und Polyester gibt keine Antwort, will im Grunde nichts verraten, behält es für sich. Aber im steigenden Licht ergibt sich womöglich die Ahnung. Und du fragst dich mit freiem Blick, was kommt hier durch, wie drängt es da heraus oder zwängt es sich hinein. Und du bist nüchtern und siehst es nicht, siehst vielleicht gar nichts. Nur Objekte, nur Begierde – oder die Spuren jenes Abdrucks, eben komplementäre Struktur. Du siehst noch immer nicht, obwohl alles offen ist, offen zum Hin- und Hineinschauen, offen für die Deutung, für den bekannten hermeneutischen Zirkel. Und alles im Rahmen eines Rahmens oder einer Öffnung oder eines Zugangs. Die Einheit dieses lichtbringenden Werks springt dir sofort ins Auge. Das Unsichtbare soll ins Sichtbare übersetzt werden. Fast scheint es so, dass es, dieses Projekt, dieses Vorgehen ohne den Trost des Himmels auskommen möchte. Was, es soll hier nur darum gehen, dass wir begreifen, was uns ergreift? Keine Ahnung.

Und freilich kennst du das auch von anderswo her, von der hilfreichen Meditation, der sogenannten formalen Praxis. Da schiebt es sich im Gedränge der Gedanken und Gefühle ja ähnlich hinaus und hinein, hin und her, und das Versteck bleibt lange Zeit unentdeckt, wenn überhaupt – der Lohn des Übens: Satori, Erleuchtung, die Leere. Aber wie wir ja wissen, kommt es nicht von alleine. Die Übung! Und muss auch nicht sein, das Ergebnis. Nicht Übung, nicht Licht, sondern etwas wie Frömmigkeit im Schattendasein oder Ahnung des Endes. Da es kein erkennbares Zentrum gibt und die von der kräftigen, energischen Bildhauerhand weggesprengten Kieselstücke oder Holzspäne wahrlich um nichts kreisen. Botschaft, die sich somit selbst verschlingt? Noch immer keine Ahnung. Aber sehen, weil du lernen möchtest, nicht mehr zu wissen. Die Objekte, denen du hier im quasi-japanischen Garten begegnest, die warten – warten auf nichts.

Und du gelangst derart bald zur Ruhe, wenn du dich einlässt, wenn dein Schauen fürs erste gestillt und dein Blick vorsichtig auf den Oberflächen dahinstreift. Gelassenheit, sobald du mit neugieriger Hand die Oberfläche des Materials berührst, das so sehr geschliffen wurde und geprägt von der Hingebung an die Idee. Ah, dieser Stein, ah, dieses Holz, entschlüpft es dir leise, dazu die sich einpassende Form, – und langsam entpuppen sich die Dinge im Blick, um alsbald wieder zu verschwinden.
Durch das geöffnete Steinfenster erkennst du die innehaltende Zeit, indem du Licht, Himmel und Erde zusammenfallen siehst. Weiter strahlt der Tag, der vertikalen Stele zuliebe, dem transzendierenden Anthrazit des aufgerichteten Manifestes. Ein Manifest, ja, das ist es, diese zu Stein gewordene Sehnsucht. Du fürchtest, dass sie, wenn du sie benennst, sofort verschwindet. Du willst sie festhalten. Unsinn! Nichts kannst du halten.

Und schon ist es etwas später, die Sonne sinkt bereits – und du selbst scheinst in der Leere gestrandet zu sein. Was Wunder bei dem Manko, das dein Sehen sonstwie und sonstwo erlebt und erbt. Im Leeren, wo sich vorverständnishaft ein neuer Raum auftut, drängelt nichts mehr, entfaltet sich vielmehr alles. Im Leeren, wo Tag und Nacht gleich sind, wo es möglich ist, zu denken, zu fühlen – aber auch nicht zu fühlen und nicht zu denken –, in diesem Leeren verstecken sich Wunder und Wesen, wollen ihr geheimnishaftes Tun partout nicht herzeigen.

Und ist das eigene Denken und Fühlen des Schöpfers denn heutzutage nicht mehr gefragt? Der Schöpfer, die Einheit, Unverfügbarkeit, Geburt – das geht einem letzten, quasi verbesserten Entwurf entgegen. Du fragst dich, was für einen inneren Grund gibt es, das Material so und nicht anders zu behandeln? Am Boden liegen die Späne und da hinten steht die Motorsäge der Geisteskrankheit, der Deportation nie gewagter Sprünge, der Unwägbarkeiten.
Also werden hier Wörter wie Späne gesammelt. Die Plastik aus Stein, Holz oder Polyester – ein Gleichnis! So wächst die Standpunktlosigkeit. Angesichts der bauchigen Reinheit der Objekte eine gute Möglichkeit sich den besserwisserischen Interpretationen zu entziehen. Und die Zeit eilt unaufhaltsam dahin und plötzlich, mit einem Sprung, steht sie still. Am gleichen Abend weitet sich der Horizont. Zeit – für einen schönen Traum.

Und dann verlässt du das Künstlerdomizil und kehrst an deinen Schreibtisch zurück, zu den Wörtern, die meistens nur sich meinen. In dir die Konfusion eines Hochstaplers angesichts deiner eigenen glitschigen Vorstellungskraft. Du stellst dir das Gespräch mit dem Schöpfer vor. Wie er unerreichbar zappelnd vor der eigenen Errichtung steht und ihm die Worte fehlen. Welche Fragen stellst du ihm? Nach seinen Träumen? Vielleicht aufs Fragen verzichten?
Rainer kommt anderntags zum Gegenbesuch in dein Haus, einen Faden Glück in der Hand, setzt sich nieder und sieht sofort deine Nadel des Schmerzes auf dem Schreibtisch liegen. Wie soll was eingefädelt werden? Kein Standpunkt, schon gar nicht Meinung. Wir beginnen, folgen einer eigenen Spur ins tiefere Verstehen. Wollen Zusammenhänge vermeiden, wo sie vermeidbar sind – wollen keine herstellen, wo sie unvermeidlich sind. Aber leider funktioniert es nicht ganz.

2/
Wenn wir also hier keinen Zusammenhang über das Innere deiner Arbeit herstellen wollen – wäre die Frage, wo du gerade mit deiner Entwicklung stehst, eventuell eine geeignete?
Eine schwierige Frage, das kann ich nicht beurteilen… vielleicht werden die Arbeiten luftiger, transparenter, leichter, materialbedingt durch die transparenten Kunststoffe und momentan eben nicht diese Schwere des Steins. Vielleicht werden Innenraum und Außenraum allmählich eins, weil ja nur mehr eine Hülle besteht – in den Skulpturen.
Wohin sollen Luft und Leichtigkeit dann schließlich führen?
Zur totalen Auflösung, zum leeren Raum, denn ich bin immer auf dieser Suche nach der Leerheit. Momentan schaut der leere Raum so aus, dass er nur durch die Hülle definiert wird, aber vielleicht existiert irgendwann nicht einmal mehr die Hülle. Aber wie dann diese Skulptur aussehen wird, kann ich mir selber nicht vorstellen, weil das wäre dann ja das Nichts, aber vielleicht ist ja das mein Ziel. Momentan beschäftige ich mich mit der Haut, Haut gleich Gefäß. Das Gefäß, das durch die Leere definiert wird. Der leere Krug – ohne Inhalt.
Hier ist der Zusammenhang mit dem Zen-Buddhismus ja unvermeidlich – oder?
Ja, stimmt, der Raum wird durch die Leere definiert, wie ja auch in der Musik die Stille wesentlich mitbestimmt. Der Zusammenhang mit Buddhismus war von Anfang an vorhanden, das war sicher ein Grund, warum ich mit dem Medium Stein begonnen habe, der ja immer noch ein zentrales Material für mich ist. Stein spielt, wie wir wissen, in den japanischen Gärten eine große Rolle.
Weißt du, warum das so ist?
Zum einen kommt der Stein aus einer Welt, die wir uns nicht vorstellen können, dann ist er Milliarden Jahre alt, auch dieser Zeitfaktor ist gewissermaßen unvorstellbar, und schließlich gibt es ihn überall, den Stein, und das nicht nur auf der Erde, sondern auch auf anderen Planeten. Für mich ist der Stein etwas Überirdisches.
Da widersprichst du dir jetzt gehörig, denn auf deiner Webseite steht: Die Tiere warten, der Mensch wartet – der Stein nicht.
Nun ja, er wartet ja tatsächlich nicht, er ist zeitlos. Es wartet ja nur jemand, der mit der Zeit konfrontiert ist.
Oder könnte man nicht eher sagen, der Stein ist derjenige, der am besten, am geduldigsten warten kann, quasi ad infinitum?
Ja, auch denkbar. Nur ist dann die Frage: Auf was wartet der Stein?
Auf nichts.
Ja.
Wäre das schlimm für dich zu entdecken, dass Steine auf nichts warten?
Nein, es wäre nicht schlimm, das ist sogar eine schöne Vorstellung.
Und entspricht dieses Nichts denn nicht der Leere, von der wir sprachen?
Ja, wahrscheinlich.
Kann man sagen: Deine gesamte künstlerische Entwicklung geht zum Nichts hin?
Vielleicht. Aber Ingram, hör zu, mehr kann ich dazu beim besten Willen nicht sagen – Kontemplation, Meditation war schon immer meine starke Intention, die Suche nach Stille und Leere, nicht nach dem Expressiven, dem Schrei.
Könnte es sein, dass du auf einer Art Entdeckungsreise bist, was das Nicht-Sichtbare des Sichtbaren betrifft?
Richtig, es geht mir tatsächlich darum, Dinge sichtbar zu machen, die das Auge nicht wahrnimmt – z.B. in meinen neuen Arbeiten mit diesen Polyester-Abformungen … da werden Strukturen und Räume erkennbar, die man sonst nicht wahrnimmt. Das ständige Experimentieren ist dabei ein wesentlicher Teil meines Vorgehens … es gibt ja nichts Gegebenes, Vollständiges, nein, im Gegenteil, man ist immer auf der Suche nach neuen Formen, nach neuem Umgang mit dem Material.
Oder ist das Nicht-Sichtbare des Sichtbaren am Ende eine Projektion des menschlichen Geistes, eine Kopfgeburt? Wenn es aber das tatsächlich gibt, das Innen des Außen, was ist seine Funktion, wozu dient es?
Diese Leere steht sowohl für den Anfang als auch für das Ende, man kann sie auffüllen oder leeren, da steht sehr vieles offen, sehr viel steht da frei für den Betrachter, wie er mit diesen leeren Räumen umgeht. Für den einen ist es ein Fenster, durch das man durchschaut, für den anderen sind es hermetisch abgeschlossene Räume.
Wie gehst du ganz persönlich mit Leere um?
Für mich ist es der Nullpunkt, auf dem man jederzeit wieder aufbauen kann. Ein ständiges Wiederbeginnen ist nur in dieser Leere möglich. Der Arbeitsprozess selbst ist für mich dann ein spiritueller, meditativer, der zu mir selbst zurückführt. Im Arbeiten nehme ich mich am meisten als Rainer wahr, als Mensch in der konkreten Umsetzung einer Arbeit.
Oder ist es Flucht vor dem Wirklichen?
Nein, das würde ich nicht sagen, eher das Gegenteil. Keine Flucht, sondern Konfrontation mit der Wirklichkeit. Wirklichkeit nehme ich nie stärker war als in der konkreten Werksrealisierung.
Aber die Dinge, die Materialien, die du bearbeitest, neigen doch auch ein bisschen zur Flucht, indem sie sich nach der Gestaltung – gleichsam im Ergebnis – zurückziehen?
Man muss bereit sein, der Betrachter muss die Fähigkeit haben, mit dieser Stille oder Leere, die die Dinge ausstrahlen, umzugehen. Viele suchen das Expressive, das Schreiende, das Bunte, was ja der Gegenwart viel näher kommt. Ich hingegen reduziere, beschränke mich auf Form – und darauf muss man sich erst einmal einlassen können. Nicht jeder ist dazu bereit.
Könnte es sein, dass du mit deiner Arbeit einen bestimmten Traum verfolgst, den Traum einer Sache?
Das klingt jetzt vielleicht etwas profan, mein Traum wäre es, mein Leben dieser Arbeit insofern widmen zu können, dass man nicht durch hunderte Kleinigkeiten abgelenkt und aus dem Arbeiten herausgerissen wird – dass ich von dieser Arbeit leben könnte, ausschließlich.
Das ist dein Traum, was deine Arbeitsverhältnisse betrifft. Eigentlich wollte ich dich fragen, ob deine Arbeit einen Traum
ausdrückt – Traum von welcher Sache?

Traum? Ein schwarzer Monolith, quadratisch, einige Meter hoch, nicht auf dieser Erde, auf einem anderen Planeten, rundherum Stille, kein Mensch, vielleicht Tiere, dieser polierte Quader wird von niemandem, höchstens von den Tieren wahrgenommen.
Jener Traum steht wofür, was ist seine Bedeutung?
Das Unendliche, Unbegreifliche, Stille, die von niemandem interpretiert wird, die für sich selber steht, oder das Überirdische, Metaphysische.
Es fehlt jeglicher Betrachter? Weshalb verzichtest du darauf?
Ja, wie gesagt, es ist ein Traum, ein Bild. Vielleicht hat es mit dem Göttlichen zu tun, da gibt es keinen Betrachter mehr …
vielleicht bedeutet er Auflösung, dieser Traum.

3/
Auf ein Lakonisches reduziert bieten sich die Minuten eines kurzen Lebens an, des einzigen Lebens übrigens, das wir haben – Minuten des Sehens mit offenen Augen, aber auch mit geöffnetem Herzen. Welche Welt jenseits des Fensters? Teich, Birke, Stein, das Gras in harmloser Stille. Der leise Chor der Dinge lässt einen vielleicht heimkehren ins schwei-gende Gesicht der Dinge. Da es dort – jenseits des Fensters – keinen Verbotsbereich gibt, gibt es auch keinen Spiegel für unsere traurige Existenz. Wir könnten uns also ruhig fallen lassen.
Teil der unsichtbaren Kunst ist die Kunst, Unsichtbares sichtbar zu machen. Sie beschreibt uns das Haus der Leere, erzählt uns von Wörtern in Totenstarre. Unsere Unschuld ist dahin, aber wir können uns mit unserem Tod ergeben. Wir können ihm das Morgenwort zusprechen. Die „unsichtbare Kunst“ im Herzen, können wir nach unserem Sturz das Gesicht mit hundert Augen aus Stein anschauen, den Garten in Tränen durchquerend, in der heiligen Brise. Wenig wissen wir von dieser Kunst, aber eines Tages würden wir wieder sein.

Das Licht ist groß. Die Entscheidung, Gott zu sein bis hinein in die Trauer, ist längst gefallen. Da stehen sie, die stummen Wächter vor der Hölle. Die Luft bestraft nicht ihr Sein. Das Licht ist groß. Es ist der Moment der nichtleeren Leere. Es ist die Frage aus Stein, Holz oder Polyster, die hier gestellt wird. Was machen wir mit der Angst und weshalb hat sie all unsere Hoffnungen verschlungen? Und wofür diese Selbstauflösung, Selbstausblutung? Wir möchten statt uns ständig vorwegzunehmen lieber vom Leben sprechen. Und so verließ Gott die Welt und ließ uns mit geheimnisvollen Herzen zurück. Seither warten wir.

Ingram Hartinger