das Innere hervorkehren

Skulpturen von Rainer Wulz

Allen Wesen und Dingen wohnt ein jenseitiger Funke inne

Die Finsternis trägt in ihrem Kern das Licht. Diesen Funken zu erkennen, ist die Aufgabe des Menschen. Dadurch befreit er das himmlische Licht aus seiner Verbannung in Zeit und Raum. Eine Weise, das Jenseitige in den Dingen zu erlösen, ist die künstlerische Auseinandersetzung mit der Materie.

Steinpfeiler – Visionen der Säulen, die die Fundamente der Welt tragen. Steine wie Pforten – Durchbrüche in eine neue Dimension, ein Heimkommen zu dem, was der Mensch in Wahrheit ist. Bäume, zu Hügeln geformt, Geheimnisse bergend. Hölzerne Stelen – Zauberwälder, in denen du verwunschenen Wesen begegnen könntest. Durchscheinende Hüllen wie Wesen aus den Tiefen eines unirdischen Ozeans … Rainers Schöpfungen gleichen Öffnungen zu mythologischen Bewusstseinsebenen. Sie sind Botschaften aus einem inneren Land, einer Welt von zeitloser Gültigkeit, die auf einzigartige Weise in jedem Menschen lebt.

Was ist Stein? Fels, aus dem Berg gebrochen. Der Berg birgt das „Land der Schwarzen Sonne“, das Totenreich. „Zur“, das hebräische Wort für Fels, bedeutet auch „Form“ und „Leid“. Steine sind Kreaturen der Schwere und der Dunkelheit, sie sind Kinder der Unterwelt, wo Leichtigkeit und Licht nur noch ein Traum sind. Stein ist Ausdruck der Form-Werdung. Das Geborenwerden in diese vergehende Welt ist ein Hinabsteigen in die Form, das Hinuntersteigen in ein Schattenreich. Die grenzenlose, ewige Seele ist nun in ein starres Bild gebannt. Form, Materie bedrückt, ist schwer, schwierig, das Erstarrte lastet und belastet. Die Seele ist nun gefangen in einer Welt der Begrenzung, in einer Enge, die Angst macht. Sie erlebt, was auch der Körper erlebt: sie nimmt das Leiden und Sterben auf sich. Aber wie schön sind die Formen! Wie kostbar sind die kristallinen Strukturen des Steins, wie vollkommen die Maserungen des Holzes. Lass es sein, heißt es, lass das Erstarren geschehen. Die Harmonie der Formen ist das Geheimnis des Sichtbarwerdens des Unvergänglichen im Zeitlichen. Die irdische Schönheit ist ein Schatten der ewigen Schönheit, die begrenzte Form enthält die Freude der ewigen Welt.

Rainer durchbricht immer wieder die Härte und Kompaktheit des Steines und erschafft einen leeren, lichtdurchlässigen Raum im Felsen. Dabei kommt mir das japanische Zeichen für „Mensch“ in den Sinn, das aus einem Tor besteht, durch das die Sonne scheint. Erst durch das Vorhandensein der Leere wird der Mensch zur Pforte, durch die das Licht strahlt. Leere ist kein Ausgelöscht- oder Vernichtetsein. Sie ist die „leuchtende Finsternis“, in der alle Farben ihren Ursprung haben. Sie ist die Stille, die alle Melodien umfasst. Leer sein bedeutet: grenzenlos, ewig sein, weil du dann alles bist. Wie aus der Quelle der Fluss entspringt, so entspringen der Leere alle Formen. Und der Fluss enthält alles, was in der Quelle anwesend ist. Diese Zwei-Einheit von Steingewordenem, Erstarrtem und  absoluter Freiheit und Leichtigkeit könnten die durchbrochenen Steine von Rainer ausdrücken. Sie wären dann Metaphern des Mensch-Seins überhaupt, Bilder des Menschen, der sowohl in der Schwere des Irdischen als auch im Licht der Ewigkeit zu Hause ist, der beide Welten in sich trägt und sie als einziges Geschöpf verbinden kann. Rainers Arbeiten sind ganz geprägt von dieser Auseinandersetzung mit Gegensätzen. Kalter Stein und warmes Holz, Innen- und Außenräume, Vergängliches und Bleibendes, Erstarrung und Fließen, Schwere und Transparenz. Versucht er, das Entzweite zu heilen, eine höhere Einheit sichtbar werden zu lassen?  Oder fasziniert ihn gerade das Widerstreitende, die kraftvolle Spannung?

Rainers Skulpturen erinnern mich auch an die Philosophie japanischer Zen-Gärten. Während in Europa Gärten Ausdruck der Herrschaft des Menschen über die Natur sind, ordnet sich im japanischen Garten der Mensch mit seinem Tun in die Natur ein. Die Ordnung dieses Gartens ist eine erlebte und gewachsene Ordnung, ist entstanden aus dem einfühlsamen Lauschen auf die natürlichen Gestaltungen und Strukturen der Landschaft und der Pflanzen. Der Zen-Garten ist karg, reduziert auf das Wesentliche. Er ist formgewordene Sehnsucht nach dem Inbegriff von Natur. In ähnlicher Weise folgt Rainer behutsam den innewohnenden Strukturen des jeweiligen Materials. Die Beschaffenheit des Steins, die Strömungen des Holzes bleiben erlebbar, sogar in den Kunststoffobjekten. Nichts Dekoratives lenkt ab von der Sammlung auf eine geahnte Essenz. Man spürt die Suche nach der idealen Form, die alles Laute und Oberflächliche abgelegt hat und die als geschlossene, unversehrte Ganzheit in sich selber ruhen will.
Rainer möchte dem natürlichen Material nichts Fremdes aufdrängen. Er sucht vielmehr das, was die Buddhisten „die ursprüngliche Gestalt“ nennen. Er sucht „das Antlitz des Steines vor seiner Geburt“. Eine alte Geschichte erzählt, dass der Künstler die Gestalt aus dem Felsen befreit, die schon seit Urbeginn der Zeit in ihm gefangen lag. Wenn ihm dies gelingt, dann hat er das Licht, das in der Finsternis verborgen war, erlöst. Zeichen dieses Gelingens ist Freude. Es ist das Gefühl von Stimmigkeit: du hörst die Stimme des Steines, du vernimmst das Lied, das er vor Gott singt. Du hörst seinen Engel.

Rainer höhlt den Baumstamm aus, so dass nur noch eine Hülle, eine Haut übrigbleibt. Dieses Umhüllende wird in der Mystik als „Frau“ bezeichnet. Das Weibliche ist identisch mit dem Sichtbaren, es ist der Schleier der Maya. Aber gerade das Sichtbare trägt in sich ein Geheimnis: das Kind. Das bedeutet: alles Erscheinende existiert auch noch auf eine andere Art – unsichtbar, unmessbar, unerfahrbar für Sinne und Verstand. Die Hülle scheint leer zu sein, sie umhüllt ein Nichts. In Wahrheit behütet sie das Paradies. „Im Inneren dieses Gefäßes sind tiefe Schluchten und hohe Berge, sind sieben Meere da und Myriaden Milchstraßen, die Musik der Sphären und die Quellen von Wasserfällen und Flüssen“ (Kabir). Unterschätze die Leere nicht! Sie birgt Gewaltiges. Durch das Ausgießen des Hohlraumes im Inneren der Holzobjekte und das Herausstellen dieses Innenraumes wird das Unsichtbare in gewisser Weise sichtbar. Immer noch ist es umhüllt, aber die Haut ist zart geworden, transparent. Man könnte jetzt den Funken aus dem Jenseits durchschimmern sehen.

Alle Dinge, so heißt es, sind von Schalen umgeben. Es sind die Materie und das Ego, die das Zarte, Verborgene im Inneren umhüllen und beschützen. Die Schalen bringen die Illusion der Trennung, sie verbergen das Einssein alles Existierenden. Auf unserem Weg durch die Welt der Gegensätze zurück zur Einheit legen wir diese Schalen nach und nach ab. Man sagt von der kommenden Welt, dass dort die Erde dem Himmel gleicht, das Äußere dem Inneren. Die Schalen sind weggenommen und das Wesen aller Dinge offenbart sich. Die Welt wird durchscheinend und licht. Das Überirdische strahlt nun durch die letzte, feine Hülle, die die Individualität bewahrt. Du siehst in den Himmel hinein. Das Innere ist jetzt außen, es erscheint. Das heißt: alles Erträumte, Ersehnte, Erhoffte wird Wirklichkeit. Rainers sichtbar gewordene Innenräume stellen für mich den erleuch-teten Menschen dar, der nur noch von einem zarten Schleier von allen anderen Wesen getrennt ist.  Er weiß nun, dass alles ewig ist und sein Herz ist erfüllt von Heiterkeit und Frieden. Er nimmt das Geschehen in der Erscheinungswelt nicht mehr so schwer, er ist leicht geworden und kann jetzt aufsteigen zu den Himmlischen Palästen.

Der Stein ist Wolke geworden. Die Sonne scheint durch ihn hindurch.

Afra Wulz